Im Herzen war ich wohl schon immer ein Vegetarier, doch warum tue ich mir so schwer, es auch tatsächlich zu sein? Von meinen Wertvorstellungen her war es für mich nie einsichtig, wer oder was mir das Recht gibt, Tiere zu töten oder sie töten zu lassen, damit ich etwas zu Essen habe. Bei unseren Haustieren wie Hunden verstehen wir das, warum nur nicht bei Kühen, Schweinen und Fischen? Das menschliche Gehirn funktioniert in einer Art und Weise, die es uns ermöglicht, unbequeme Gedanken schnell zur Seite zu schieben und sie soweit in den hintersten Verästelungen anzusiedeln, dass sie sich möglichst selten melden. Deshalb halten sich viele Traditionen so hartnäckig, mögen sie auch noch so wenig Sinn ergeben. So geschah dies auch mit meinen Gedanken zum Tiereessen, die sich durch das übermächtige, durch unsere Gesellschaft antrainierte Geruchs- und Geschmacksempfinden nur allzu leicht in einen für mich kaum zugänglichen Bereich verdrängen ließen. Nicht einmal die zu recht zahlreichen Berichte über das durch die Massentierhaltung verursachte unerträgliche Leid haben mich mein Verhalten ändern lassen – sehr, sehr lange!

Vor vielen Jahren – es war wohl am Anfang meines Studiums in Klagenfurt am schönen Wörthersee – bekam ich einen Impuls von außen, einen Wink mit dem Zaunpfahl sozusagen. In einem Restaurant bestellte ich mir vermutlich ein Schnitzel (die sind in Österreich ungleich köstlicher als das durchschnittliche deutsche Schnitzel – das muss ich neidlos anerkennen). Mein mich begleitender Schulfreund – wir hatten uns vermutlich etliche Monate nicht mehr gesehen, wobei sich das für mein Kleinhirn aus der Retrospektive im Einzelnen nicht mehr in allen Details erschließt – bestellte sich zu meinem Erstaunen ein rein vegetarisches Gericht. Ob ich ihn tatsächlich verbal danach gefragt oder er es an meinem Gesichtsausdruck abgelesen hatte, ist eher von nebensächlicher Natur, jedenfalls erklärte er mir, dass für ihn das Essen von Meeresfrüchten in Italien ein einschneidendes Erlebnis war, das ihn zum Nachdenken gebracht hatte. Es waren wohl einfach zu viele Tiere auf seinem Teller gewesen, die alle ihr Leben lassen mussten, damit er davon satt wurde. Von diesem Teller an war Harald ein Vegetarier. Ich fand sein Vorgehen äußerst lobenswert und konsequent, nur fehlte mir die Kraft und – wie soll ich es nur sagen – der Klick, um es ihm gleichzutun! Es machte trotz meiner eigenen Gedanken und Empfindungen zu diesem Thema einfach nicht Klick. Somit verspeiste ich mit Genuss weiter mein Schnitzel, während ich seinen Ausführungen bewundernd lauschte.

Die Jahre vergingen, hin und wieder kamen unliebsame Gedanken an die armen Tiere hoch und wenn ich es mir mal genauer überlegte, auch an meine Unverschämtheit, Lebewesen ohne jeglicher Not das Wichtigste zu rauben, was sie haben: ihr Leben. Stets verdrängte ich dieses kurze Aufbäumen meiner Gefühls- und Gedankenwelt in mir und genoss weiter meine geliebte Salami, Chicken Wings und Steaks.

Warum auch immer, in den letzten drei Jahren und verstärkt nun in 2019 wurden die Gedanken häufiger; vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich mir anläßlich einer äußerst unangenehmen Malaria während meines Schreibaufenthaltes zu Wahn und Sinn in Ghana und des in diesem Jahr nach meinem Schreibcamp zu Gott und Tod in Kenia erlittenen Dengue Fieber über das Leben und die eigene Endlichkeit mehr und mehr Gedanken machte. Noch stärker in meinen Fokus geriet das Thema Fleisch, als ich im März nach Mückenstichen vier infizierte Stellen an den Beinen bekam. Was als kleine, juckende, rote Punkte begann, entzündete sich immer mehr und wurde täglich schlimmer, bis ich mein rechtes Knie gar nicht mehr abwinkeln konnte. Eine Sekretprobe, die im Uniklinikum Frankfurt entnommen und untersucht wurde, veranlasste die behandelnden Ärzte, mir ein Reserveantibiotikum zu verabreichen. Das ist ein Antibiotikum, das nur angewendet wird, wenn alle anderen Antibiotika wirkungslos sind – das letzte Mittel der Wahl sozusagen. Die möglichen Nebenwirkungen laut Beipackzettel, die teilweise mit einer Wahrscheinlichkeit im zweistelligen Prozentbereich auftreten können, lesen sich schockierend. Meine Liebe zum Leben und die Verwendung von Antibiotika in der Tiermast – insbesondere der völlig verantwortungslose und skrupellose Einsatz von Reserveantibiotika in der Geflügelzucht – ermutigten mich dazu, nach dieser Erfahrung kein Hähnchen- und Putenfleisch mehr zu essen. Um es zu verdeutlichen: Hätten die Reserveantibiotika meine Entzündungen nicht erfolgreich bekämpfen können, wären mir wohl beide Beine amputiert worden. Durch das Essen von Fleisch mit Antibiotikarückständen werden mehr und mehr Erreger resistent, sodass die Antibiotika dann nicht mehr wirken.

In der Folge begann ich insgesamt bewusster zu essen und verzichtete vollständig auf Geflügel. Von da an war es nur noch ein kurzer Weg bis zu einem Versuch meinerseits, ob ich stark genug wäre, zwei Wochen lang gar kein Fleisch zu konsumieren. Dieses Vorhaben manifestierte sich ohne Planung in mir beim Einkaufen am 30. Juli diesen Jahres: Ich kaufte nur Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, viel Käse, Brot und Eier!

Was soll ich sagen? Heute ist Tag 25 ohne Fleisch, es fehlt mir nichts und die Versuchung, nicht doch zu Fleisch oder Wurst zu greifen, wird täglich kleiner. Bin ich deshalb schon ein Vegetarier? Nein, so weit möchte ich noch nicht gehen, doch habe ich meinen Selbstversuch verlängert, ohne groß darüber nachzudenken – ich fühle mich derzeit äußerst wohl!


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