Die Krux mit 99-Cent-Aktionen


Nein, ich bin wahrlich kein Fan davon, eBooks für 99 Cent anzubieten. Wenn es sich um eine Kurzgeschichte handelt, mit der man über seinen Schreibstil eine breitere Leserschaft gewinnen möchte, finde ich das schon in Ordnung. Aber einen ganzen Roman mit 200 oder mehr Seiten für 99 Cent an den Leser zu bringen? Nein, das gefällt mir überhaupt nicht.

Wenn man Argumente gegen solche Preisaktionen vorbringt, wird man schnell mit der mathematischen Keule mundtot gemacht: 27 Cent (ja, so wenig bekommt der Autor vom Kaufpreis eines eBooks bei 99 Cent) multipliziert mit 10.000 Downloads ist Geld, während 70% (Autorenanteil) von vielleicht 10 Downloads zu € 3,99 immer Peanuts bleibt. Doch darf man wirklich so rechnen? Für mich war es lange Zeit undenkbar, so zu rechnen, auch wenn ich als Betriebswirt durchaus mental in der Lage bin, diese einfachen Rechenaufgaben zu lösen und verstehe, wohin diese Argumentation hinführt. Auch die Funktion „Kleiner“ oder „Größer“ ist mir durchaus schon mal untergekommen, somit kann ich das Ergebnis beider Aufgaben auch noch zu einem abschließenden Urteil miteinander vergleichen. Und trotzdem: Ich halte solche Preisaktionen für den Gesamtmarkt und im Interesse aller Autoren für gänzlich falsch. Ich habe an meinen bisher erschienenen Thrillern jeweils ein Jahr gearbeitet, das ist eine verdammt lange Zeit. Und das Konsumieren der Frucht dieser Arbeit soll nur 99 Cent wert sein? Dieser Gedanke frustriert mich!

Wenn man wie ich vor ein paar Jahren neu in den Buchmarkt einsteigt, ich komme ursprünglich aus der Beratung und dem Finanzwesen, lernt man schnell die zwei Lager kennen: „Richtige“ Autoren einerseits und Selfpublisher andererseits. Leider ist dieses Denken in der doch erstaunlich konservativen Buchbranche immer noch weit verbreitet, auch wenn gerade in den letzten zwei, drei Jahren ein zartes Pflänzchen des Umdenkens zu sprießen beginnt. Es wird besser, es gibt Hoffnung,!

Während „richtige“ Autoren möglichst bei einem großen Publikumsverlag einen Bestseller nach dem anderen schreiben, wagen viele, die Spaß am Schreiben haben, sich im Zeitalter der Digitalisierung daran, ihre Werke selbst als eBook zu veröffentlichen. Die weit überwiegende Anzahl der Selfpublisher sieht sich als Hobbyautoren, manche haben das Glück des Tüchtigen, werden vom Erfolg überrascht, und geben ihren Brot-und-Wasser-Job auf, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Dies gelingt jedoch nur sehr wenigen. Andere versuchen mehr schlecht als recht sich über Wasser zu halten. Fakt ist leider, die weit, weit überwiegende Zahl der Selfpublisher kommt nie auf einen wirklich grünen Zweig (rein monetär betrachtet). Für viele ist das auch nicht das primäre Ziel, sie erfreuen sich an dem schönen Feedback der wenigen Leser, die sie finden können.

Immer wenn auf einem Markt Geschäftsleute und Freizeitmenschen aufeinander treffen, obwohl sie vergleichbare Waren anbieten, kommt es zu Verwerfungen. Daneben ist die Zahl der Marktteilnehmer derart groß, dass die Hoffnung eines koordinierten Vorgehens bei der Preisgestaltung von eBooks leider immer nur Wunschdenken bleiben wird. Interessant, dass einige Autoren das Verschenken von eBooks als Marketingmaßnahme für völlig in Ordnung erachten und stattdessen 99-Cent-Aktionen für nicht fair halten. Andere denken genau umgekehrt. Ganz andere wie ich halten beide Alternativen nicht gerade förderlich für den Gesamtmarkt.

Was ist ein eBook nun also wert? Es ist klar, dass man nicht den für alle angemessenen eBookpreis finden kann – es gibt ihn schlichtweg nicht. Aber Hand aufs Herz: Einen ganzen Roman für 99 Cent anzubieten, ist ein Vorgehen, dass der günstigste Discounter nicht machen würde.

Warum macht der Alexi nun eine 99-Cent-Aktion für Opfer & Täter? Ich bin printlastig, verkaufe also meine Bücher vorwiegend als gedruckte Bücher, wohingehend die meisten anderen Independent Autoren ausschließlich oder überwiegend eBooks verkaufen. Täglich sehe ich viele Thriller, die für 99 Cent angeboten werden. Sie haben fast alle einen besseren Verkaufsrang auf Amazon und Thalia als meine eBooks, die ich für € 3,99 anbiete. Mir missfallen 99 Cent Aktionen, ganz klar. Weil ich sie für uns Autoren als Gesamtheit für falsch halte. Aber was sollte ich dagegen tun? Gar nichts kann ich machen, als für mich selbst zu sagen, ich mache da nicht mit, und andere in Gesprächen versuchen, zu überzeugen, dass die Preisspirale nach unten nicht die Lösung sein kann. Genau das habe ich die ganze Zeit gemacht. Was hat mir das gebracht? Nichts, Opfer & Täter war vor meiner Preisaktion die meiste Zeit auf einem Verkaufsrang jenseits von 100.000, seit der neuerlichen Umstellung der für das Ranking relevanten Faktoren sogar ab und zu nur bei 200.000. Ich kann den Markt nicht ändern, also kann ich entweder weiter an der Grundlinie stehen, oder über meinen eigenen Schatten springen und mal selbst eine 99-Cent-Aktion machen. Genau das habe ich schweren Herzens als Versuch gemacht. Nun hat sich mein erster Band der Armin Anders Reihe am dritten Tag  rund um Verkaufsrang 2.000 eingependelt. Die Richtung stimmt schon mal, die große Frage bleibt: Werde ich durch diese Aktion in einen sichtbaren Bereich kommen? Ich weiß es nicht, aber ich versuche es. Es ist ein Versuchsballon. Jeder, der einen Reader besitzt oder mit einer App lesen will, kann mir dabei helfen, von der Grundlinie immer weiter ins Spielfeld zu gelangen, so dass auch andere Zuschauer mich entdecken können.

Ohne Preisaktion war Opfer & Täter das letzte und einzige Mal kurz nach Neuerscheinung für mehrere Tage auf einem Verkaufsrang unter den ersten 2.000. Unter die Top 1.000 habe ich es noch nie geschaft, zumindest nicht beim großen A, der bei den Selfpublishern allzu oft als das Maß der Dinge angesehen wird. Wäre ich ohne diese Preisaktion wieder mal unter die ersten 2.000 gekommen? Das kann ich nicht beurteilen, denn ich muss zugeben, dass ich zusätzlich zum Drehen an der Preisschraube auch eine Werbeaktion über eine Plattform gestartet habe, die sich auf preisreduzierte eBooks spezialisiert habe. Ohne Werbung wäre Opfer & Täter sicher nicht so schnell um rund 180.000 Plätze gestiegen. Hätte ich bei unverändertem Preis woanders eBook-Werbung geschaltet, hätte es vielleicht auch funktioniert, nur kenne ich keine eBook-Plattform, die gezielt „normal“-preisige Bücher bewirbt.

Letztendlich ist der Anstieg im Ranking aus einer Kombination zustande gekommen: Es greifen Schnäppchenjäger zu, die gezielt nach günstigen Büchern suchen und Leser, die ich durch die Werbung erreicht habe, die meinen Thriller aber auch gerne für den Ursprungspreis von € 3,99 gekauft hätten, wenn er nur irgendwo in ihr Blickfeld geraten wäre.

Ich habe gelernt über meinen eigenen Schatten zu springen, da ich nicht als Don Quijote auf recht einsamer Flur gegen 99-Cent-Aktionen kämpfen kann, während die weit überwiegende Masse der Independent Autoren sich dadurch auf Kosten des Gesamtmarktes einen Vorteil verschafft. Lange Rede kurzer Sinn: Opfer & Täter gibt es aktuell auf den eBook-Plattformen zu 99 Cent. Wer da nicht zugreift (und mir dadurch auf meinem Weg in Richtung Sichtbarkeit verhilft – hüstel 😉 ), ist selbst daran Schuld.

 

 

 

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