Für die tapferste Frau der Welt!


Du warst für mich da – seit ich denken kann und ein gutes Stück davor. Heute liegst du unter dem Messer, ich weiß nicht das wievielte Mal das nun ist. Du hast keine Kraft mehr, du wolltest aufgeben. Auch wenn es wehtut, ich verstehe das. Niemand hat ein Recht, dir dafür einen Vorwurf zu machen.

Wenn ich mich richtig zurückerinnere, war alles in Ordnung, solange ich die Schule noch besucht hatte. Ja, dein Rücken war zu dieser Zeit schon kaputt, ihr habt die schweren Steine für den Hausbau selbst getragen, Zementsäcke, Betonträger und was nicht alles. Alles Dinge, die ohne einen Kran den Rücken kaputtmachen. Du hast es ertragen, auch wenn die Ärzte vor den Röntgenbildern nur den Kopf geschüttelt hatten. Der Rücken würde sich trotz der Operation nie mehr regenerieren, das war klar. Und doch war so weit noch alles in Ordnung, die Schmerzen, die freilich allgegenwärtig waren, hast du verdrängt.

Mit der Zeit ging es dir immer schlechter, die Atemnot griff um sich. Lange Zeit waren die Ärzte hilflos, stocherten nur im Dunkeln, hatte keine Idee, wo das herkam. Du kamst kaum noch eine Treppe hoch, so wenig Luft hattest du. Dann fand man heraus, woran es lag: Vogelkot. Deine geliebten Vögel, Nico, der Graupapagei, den du in den Siebzigern aus Nigeria mitgebracht hattest, Lori, die Gelbstirnamazone, Beo, der so gut sprechende Beo, Zebrafinken, alle mussten weg. Du warst die ganzen Jahre über allergisch auf Vogelkot und keiner hat es gemerkt. Deine Lunge war heftigst angegriffen und sollte sich nie mehr erholen. Du bekamst so viel Cortison, dass dein Gesicht „aufblühte“ und doch stabilisierte sich deine Lunge ein wenig. Du konntest wenigstens wieder an einer Gymnastikgruppe teilnehmen, Dauerläufe würdest du freilich nie wieder machen können, doch ein oder zwei Stockwerke auf einer Treppe waren wieder möglich. Deinen Inhalator trägst du immer bei dir.

Dann kam Lichen. Eine Autoimmunkrankheit, bei der sich das Abwehrsystem des Körpers gegen sich selbst richtet. Nicht der Feind, z.B. Erreger von außen, wird bekämpft, sondern der eigene Körper. Angeblich ist das äußerst schwer zu diagnostizieren. Die Ärzte waren wieder mal ratlos. Du hattest es an Stellen, die keiner wissen will. Wurdest mehrmals operiert, immer mehr wurde herausgeschnitten, es änderte viel in dir, belastete deine Seele über Jahre und Jahrzehnte, und doch bekämpfte dein Körper sich weiterhin selbst, ohne dass es diagnostiziert wurde. Und du? Du ertrugst diese Last, ohne zu jammern!

Irgendwann war es in der Mundhöhle angelangt. Innen alles offen, wie rohes Fleisch. Du konntest seit dem nichts Festes mehr essen. Kauen tat weh, war nicht mehr möglich. Was ging, wurde püriert, doch das meiste, früher so geliebte Essen blieb dir die letzten Jahre verwehrt. Du liebtest würziges Essen, deine Küche duftete immer nach den wunderbarsten Gewürzen aus aller Herren Länder. Jetzt verträgst du noch nicht einmal die geringsten Spuren von Gewürzen, alles brennt auf deinen offenen Stellen im Mund. Die Laktoseintoleranz, die auch noch eintrat, ist bei all deinen Leiden schon gar nicht mehr erwähnenswert. Gutes Essen, das du früher so geliebt hast, ist schon lange kein Bestandteil deines Lebens mehr. Du musst so viele Medikamente nehmen, dass du dir nicht einmal ein Gläschen Wein erlauben kannst. Du verträgst keinen Alkohol mehr und musst am nächsten Tag bitter dafür büßen. Wie schön war es früher, als wir alle zusammen an den Rhein gefahren sind, um gemütlich ein Gläschen Riesling zu trinken …

Dann die Hiobsbotschaft, nach vielen Jahren offenem Mund: Es gab Veränderungen am Gewebe. Eine Biopsie wurde gemacht. Das Ergebnis niederschmetternd. Der Krebs hatte dich nun auch noch erreicht. Wieder wurdest du operiert. Teile aus der Wange herausgeschnitten, diese durch Gewebe aus deinem Arm wieder aufgebaut. Um den Arm wieder zuzubekommen, musste Haut vom Oberschenkel transplantiert werden.

Wir alle waren voller Hoffnung, die Ärzte sagten, es sei dein großes Glück, dass durch deinen Lichen im Mund, die Kontrollkette so dicht war, dass man den Krebs im absoluten Anfangsstadium erkannt und behandelt hat. Welch ein Glück, dachten wir alle!

Ein halbes Jahr später war er wieder da. Der Krebs im Mund war zurück. Wieder wurden Teile der Backe entfernt, diesmal auch der Hals-/Schulterbereich aufgeschnitten, natürlich an beiden Seiten, und auffällige Lymphknoten entfernt.

Wie wenige Monate es dann waren, weiß ich nicht mehr so genau, es waren jedoch nur wenige Wochen. Inzwischen steht fest, dass dein Krebs ungewöhnlich aggressiv ist und wahrscheinlich durch das Lichen verursacht wird. Deine OPs führt der Chefarzt durch, nicht weil du privat versichert bist, nein, das bist du nicht. Dein Fall ist so ungewöhnlich und der Krebs derart aktiv, dass es selbst für den Chefarzt nicht zu fassen ist und er was daraus lernt.

Teile der Zunge mussten entfernt werden, und auch wieder der Wange. Schnitte vom Ohr zur Schulter, um weitere Lymphe zu entfernen, der zweite Arm geöffnet, um Gewebe zum Aufbauen von Zunge und Backe zu bekommen. Man öffnete dir die Luftröhre, damit du atmen kannst, nicht durch Mund und Nase, nein, durch den Hals! Der Arm blieb erst eine Zeit lang offen, dann holte man wieder Haut vom Oberschenkel, das Krankenhaus ist dein zweites Zuhause geworden.

Alles will und kann ich nicht im Detail wiedergeben und doch ist es eine Art, mit meinem Schmerz klarzukommen. Diesmal ist es der Gaumen, der inzwischen zum zweiten Mal operiert wird. Und die letzte OP am Gaumen war kaum ein Monat her. Wieder wird ein Teil von dir entfernt und du erträgst es so tapfer!

Für mich bist du die tapferste Frau der Welt und ich frage mich immer wieder, wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Wenn ich mich dagegen selbst betrachte, dann werden meine eigenen Probleme so klein, dass ich mir lächerlich vorkomme. Es gab Situationen, in denen ich schon aufgeben wollte, aber was sind das alles für Nichtigkeiten, gegen deine Tortur?

Mami, du bist ein wunderbarer Mensch, ich liebe dich!

Mami

(Ich veröffentliche diesen Beitrag einen Tag später, gestern Abend habe ich erfahren, dass die OP gut verlaufen ist. Danke!)

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4 Comments

  1. Ja, unsere Mami ist eine unglaublich tapfere Frau, die nie jammert und wahnsinnig viel in ihrem Leben ertragen musste und immer noch erträgt. Ich frage mich so oft, wie sie das für uns unvorstellbar Unerträgliche Leid aushält. Du hast es soooo wunderbar beschrieben. Wie oft erfahren wir erst hinterher, wenn es ihr mal nicht so gut ging! Sie es mal wieder mit sich selbst ausgemacht hat, anstatt uns anzurufen. Sich selbst stellt sie immer(noch) stets hintenan. Der Gedanke, dass sie eines Tages nicht mehr da sein wird, treibt mir die Tränen in die Augen und ist für mich unvorstellbar. Deine dich liebende Schwester

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  2. Lieber Uwe, dein Beitrag hat mich zu Tränen gerührt, da ich nur zu gut weiss was es heißt jemanden so leiden zu sehen! Meine Mama hat den Kampf am 14. Dezember 2014 verloren und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke! Ich wünsche dir und vor allem deiner tapferen Mama viel Kraft und alles erdenklich Gute!

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