Eine Hommage aufs Schreiben


Ich habe den Ruf, selten zu bloggen (bin dabei mich zu bessern), aber wenn ich etwas blogge, dann ist es meistens etwas Längeres. Ich fürchte, es wird auch diesmal wieder länger, bevor ich zu dem kommen kann, was ich als Kernaussage rüberbringen möchte. Manche Erkenntnisse kommen einem spät, sehr spät, zu manchen gelangt man nie. Klingt philosophisch, ist es auch.

Ich weiß nicht mehr genau, wann es war. Ich war ein Kind, definitiv war es vor meinem zwölften Geburtstag, denn der ist mir ganz genau in Erinnerung geblieben.

Sieben Zeilen, sieben mal ich. Ja, werter Leser, Sie ahnen es schon, dies wird ein sehr persönlicher Artikel. Manche Wege muss man beschreiten, auch wenn sie sich als Irrweg herausstellen. Der ein oder andere Irrweg der Vergangenheit war aber nützlich. Irrwege tragen zur Erkenntnis bei und haben am Ende des Tages oftmals ihren Namen nicht verdient, denn es waren wichtige Wege. Auch Irrwege führen zu dem Ich und jetzt.

Ich war also ein kleiner Knirps, meine große Schwester Gitta brachte einen neuen Freund nach Hause, ihren Freund. Ich mochte ihn von anfang an, er ist sehr sympathisch, ich lernte viel von ihm. Er ist Israeli. Wir waren schon immer sehr multikulti in unserer Familie, wozu ich später auch viel beitragen sollte. Was mich am meisten an ihm beeindruckte, war sein bedingungsloses Verfechten für Frieden. Wann immer irgendwo auch nur der kleinste Streit aufkam, ging er sofort mit einem „Friede“ dazwischen. Erst durch ihn lernte ich sparen. Vor ihm war mein Taschengeld weg, noch bevor ich es in der Hand hatte. Er lehrte mich, was Zinsen und Zinseszinsen sind und wie man diese Erkenntnis für sich arbeiten lässt.

Warum ich Allan erwähne? Weil er wohl einer der Hauptgründe war, weshalb ich viele Jahre später studierte. Ich fragte eines Tages meine Mutter: „Was macht Allan eigentlich?“ Sie antwortete mir, dass er Student sei. Von dem Augenblick an hatte für mich Studentsein etwas Glorreiches an sich. Irgendwann würde ich auch ein Student sein, so nahm ich mir fest vor.

Nach diversen Verirrungen, schlechte Noten in der Realschule, Alkohol- und anderen Exzessen stand ich irgendwann mit einem Wirtschaftsabitur mit gutem Erfolg orientierungslos in der Gegend herum und entschied mich mit einem Kumpel, dem es ebenso ging (Gruß an Heiner), zu studieren. Ähnlich wie auf der Handelsakademie fiel mir das Ganze nicht wirklich schwer. Das Studium musste nebenbei gehen. Die Studentenparties, Diskotheken, Motorradfahren und sonstige Spaßtätigkeiten in der Touristenhochburg Velden am Wörthersee, wo ich meine Studentenbude hatte, waren wichtiger.

Nach dem Studium zurück in Deutschland begann ich meine Karriere in Kelkheim. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich gegenüber Abgängern von deutschen Unis, keinen Nachteil hatte, obwohl ich österreichisches Recht gelernt hatte und mich nun anschickte ein deutscher Steuerberater zu werden. Sobald ich das richtig verinnerlicht hatte, stand ich regelmäßig sehr zum Leidwesen meines damaligen Chefs und Mentors auf seiner Matte und forderte Gehaltserhöhungen. Dabei wurde ich nie müde und mir fielen jedes Mal tolle Argumente ein. Unser kleiner Kelkheimer Standort wurde schließlich irgendwann in die riesige Ernst&Young Welt integriert und wir zogen um nach Frankfurt. Ich absolvierte mein Steuerberater- und anschließend mein Wirtschaftsprüferexamen in der kürzest möglichen Zeit. Bis heute habe ich keinen getroffen, der trotz dafür eigens genommener mehrmonatiger Auszeit vor dem WP-Examen sich nicht intensivst darauf vorbereitet hatte. Die meisten nehmen sich dafür viele Monate frei, machen Vollzeitkurse und sind für niemanden ansprechbar, soll es doch laut Wirtschaftskreisen die schwerste Prüfung sein, die man in diesem Lande machen kann. Ich aber hatte Wichtigeres zu tun. Ich musste ein Haus designen und bauen, für die Prüfungsvorbereitung blieb da keine Zeit. Ich schob den Lernanfang immer weiter hinaus. Fünf Wochen vor der Prüfung verfiel ich in den Panikmodus. Ich lernte Tag und Nacht und absolvierte auf wundersame Weise diese Prüfung und wurde vom Ministerium zum Wirtschaftsprüfer bestellt, was meinen Chef vor ein neues Problem stellte: Der Alexi stand wieder auf seiner Matte und hatte schon vor seinem Wirtschaftsprüfertitel ein Gehalt, mit dem einige seiner Kollegen nach der Bestellung zufrieden waren. Ich wollte deutlich mehr und am Ende bekam ich fast, was ich mir vorstellte.

Ich kam mir trotzdem nie besonders vor, dazu fiel mir meine Arbeit zu leicht. Nach dem Wirtschaftsprüferexamen fühlte ich zum ersten Mal diese Leere in mir. Ich hatte erreicht, was ich wollte, schickes Auto, tolles Haus. Ich hatte mein Ziel verloren und meine tägliche Arbeit füllte mich nicht mehr aus. Nur langsam realisierte ich, dass ich mich in einem Hamsterrad befand und nur noch für die Arbeit lebte. In Spitzenzeiten hatte ich mehr als 100 Stunden in der Woche auf der Uhr, 70 – 80 waren völlig normal. Ich war zu einem Workaholic geworden, bekam Neurodermitis, Rückenprobleme und Schlafstörungen. Mehr als drei bis vier Stunden Schlaf pro Tag waren nicht mehr drin. So konnte es nicht weitergehen! Ich musste ausbrechen und das tat ich radikal, auch wenn es kaum jemand verstand, und mich die meisten durch gutes Zureden in meinen ungesunden Karrieretrip zurückschubsen wollten. Mit Umwegen, die diesen Rahmen hier sprengen würden, landete ich schließlich beim Schreiben.

Wird mich das Schreiben eines Tages ernähren und mir ein auskömmliches Leben bereiten können? Ich weiß es nicht, ich fühle nur, ich muss weiterschreiben!

Durchs Schreiben habe ich immer wieder Aha-Erlebnisse. Aha-Erlebnisse über mich selbst aber auch übers Leben ganz allgemein. Ich habe durchs Schreiben so einiges gelernt, bin ein ganz anderer Mensch geworden. Kann mein Leben heute viel mehr genießen als früher, obwohl es mir rein nach monetären Kriterien betrachtet, um so viel schlechter geht. Jetzt habe ich meinen zweiten Thriller vollendet und bevor ich die ersten Exemplare der gedruckten Version in meinen Händen halten kann, würde ich am liebsten gleich mit dem nächsten Buch anfangen. Ich liebe das Schreiben!

Übertreibung ist sicher etwas, was mich mein ganzes Leben begleitet. Habe ich es früher in meinem Brotjob übertrieben und hatte kein Privatleben mehr, so übertreibe ich es nun vielleicht auch ein wenig mit dem Schreiben und doch erfüllt es mich so sehr, dass ich nicht aufhören will. Ich spüre eine innere Zufriedenheit wie selten zuvor und verarbeite Probleme inzwischen auch durchs Schreiben, fresse Dinge nicht mehr in mich hinein, sondern lasse meine Protagonisten Abscheuliches tun.

Letzte Woche hatte ich wieder so einen Tag mit einem Aha-Erlebnis. Meine Mutter wurde zum x-ten Mal operiert. Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen und weinen, so trifft mich ihr Leidensweg. Ich hatte nie vor, so etwas Privates in die Öffentlichkeit zu tragen, auf Facebook poste ich normalerweise kaum etwas Privates vor mir, nur Oberflächliches, und doch brauchte ich es an diesem Tag der Operation. Ich musste diesen Artikel über ihren Leidensweg schreiben, und mir wurde erst beim Verfassen gewahr, was ich überhaupt tat. Beim Schreiben dachte ich viel über sie nach, es kamen Dinge hoch, die ohne diesen Artikel nicht hochgekommen wären. Beim Nur-da-sitzen und Denken, fallen mir viele Dinge nicht auf, beim Schreiben schon.

Meine Schreiberei artet manchmal zu einer Übertreibung aus, die ab und zu in tiefer Verzweiflung mündet. Ja, auch beim Schreiben kommen mir hin und wieder die Tränen, nicht nur bei einem so persönlichen Artikel wie dem über meine Mutter. Nein, das passiert mir sogar beim Schreiben einer heftigen Szene in meinen Büchern. Zuletzt ist es mir bei dem Kapitel „Das Grauen“ in Opfer und Täter passiert. Das ging mir richtig unter die Haut. Und doch gibt mir das Schreiben so viel Kraft und macht mich glücklich. Nicht immer verarbeite ich durchs Schreiben Persönliches, nein, die weit überwiegende Zeit lasse ich meine Fantasie fliegen und schreibe mir die Finger wund, was mir so alles einfällt. Als Chaosschreiber bin ich erstaunt, wenn am Ende alles einen Sinn macht. Ich liebe das Schreiben, liebe meine eigenen Bücher hier zu Hause zu haben, sie zu signieren und auf die Reise zu neuen Lesern zu schicken.

Bevor ich jedoch meinen dritten Thriller beginne, arbeite ich nun an einer Hardcover Ausgabe von Niemand wird dich vermissen. Ich wurde schon darauf angesprochen und finde, dass gewidmete Hardcover Bücher wunderbare persönliche Weihnachtsgeschenke sind!

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Über Uwe Alexi

Der Chaosschreiber: Wenn ich beginne, ein Buch zu schreiben, habe ich keinerlei Ahnung, was mich erwartet, wie es weitergeht, wo mich meine Fantasie hintragen wird. Ich schreibe chaotisch, so ist mein Leben. Ich liebe es!
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Eine Antwort zu Eine Hommage aufs Schreiben

  1. Anja schreibt:

    Du schreibst, mit Umwegen, die den Rahmen sprengen würden, landetest Du vom Workaholic beim Schreiben. Gerade diese Umwege finde ich interessant. Schreib doch mal drüber.

    VG
    Anja

    Gefällt mir

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